|
|
Die Kosovaren kommen! 8. Januar 2006

«Danke, dass ihr wegen uns so weit gefahren seid. Ehrlich, das
bedeutet mir etwas», sagt Vater Ragip Behrami, 50, am zugigen
Hintereingang des Fussballstadions von Genua. Der bescheidene Arbeiter
aus dem Kosovo geniesst den Rummel um seinen Sohn: «Die Schweiz hat
uns geholfen, als wir in Not waren. Und jetzt kann Valon endlich etwas
davon zurückgeben».
Valon Behrami, 20, hat mit seiner Mannschaft
Lazio Rom gerade 0 : 2 verloren. Nebensache, schlieslich hat Valon
sein wichtiges Tor acht Tage zuvor geschossen - im Stade de Suisse in
Bern, beim Barrage-Hinspiel gegen die Türkei erzielte Kosovo-Albaner
das entscheidende 2 : 0. Die ganze Familie Behrami ist angereist, um
den gefeierten Sohn nach den dramatischen Spielen von Bern und
Istanbul endlich in die Arme zu schliessen. «Wir danken Alex
Pedrazzini», sagt Ragip. «Ohne ihn wären wir längst nicht mehr in der
Schweiz».
Die Behramis waren 1990 als Asylbewerber im
Tessin gestrandet, drei mal wäre die Familie in den 90er Jahren
beinahe ausgeschafft worden: Doch so wie Behrami jetzt die Schweizer
WM-Qualifikation sicherte, so half der Sport damals den Behramis:
Vater Ragip spielte beim FC Stabio, der Sohn bei den Junioren. Beim
Fussball lernte Behrami den damaligen Tessiner Justizdirektor Alex
Predrazzini kennen, dessen Sohn ebenfalls im Nachwuchsteam spielte.
«Alex sagte mir eines Tages, ich solle mir keine Sorgen machen». Der
mächtige Götti half, die Behramis blieben.
Zehn Jahre später und zwei Autostunden nördlich
von Stabio, kämpft heute ein anderer Götti um seine Kosovo-Albaner:
Reto Dürst, der Gemeindepräsident der Bündner 330-Seelen-Gemeinde
Wiesen. Die Bündner Fremdenpolizei hatte im Oktober in einer brutalen,
nächtlichen Aktion die Frau und die fünf Kinder
der seit Jahren in Wiesen lebenden Familie Kolic in den Kosovo
ausgeschafft.
Blochers Asylbürokraten und ihre Vertreter in
Chur hatten für einmal Pech: in Wiesen gerieten sie an einen
Gemeindepräsidenten, der weiss, wie man kämpft: Reto Dürst, ehemaliger
Eishockey-Profi bei Davos und ZSC, sagt: «So etwas darf in der Schweiz
mit solchen Leuten nicht passieren». Zweimal schon reiste der
parteilose Lokalpolitiker in den Kosovo zu «seiner» Familie, das
letzte Mal in Begleitung eines BLICK-Teams. Noch stellen sich die
Behörden quer, doch Dürst ist optimistisch, dass die Familie bald
wieder zusammen ist, zu Hause im märchenhaft verschneiten Wiesen.
Behramis verhinderte Abschiebung, Dürsts Kampf
um seine Kosovaren: Wo man sich kennt, schätzt man sich.
«Kosovo-Albaner sind so fleissig und loyal, dass man sie für die
besseren Schweizer halten könnte», sagt Gjyle Krasniqi, die in Luzern
mit albanischen Jugendlichen Gewaltprävention betreibt. «Warum
schiesst sich die SVP gerade auf diese Leute ein, die in vielem so
ähnlich denken?»
Wo man sich nicht kennt, sind Kosovo-Albaner
unbeliebt. Sie gelten als Raser, Rauschgifthändler und
Sozialschmarotzer, nicht nur SVP-Kader halten sie für faul, brutal,
verschlagen und unberechenbar. Jeder zehnte Kosovo-Albaner lebt in der
Schweiz, die fast 200 000 Emigranten schicken jährlich eine
Viertelmilliarde Franken an Angehörige in der Heimat: «Die Interessen
des Kosovo sind auch unsere, namentlich im Bereich Sicherheit», mahnt
Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und pocht darauf, dass die
Statusfrage der Unruheprovinz endlich und schnell geklärt wird.
«Wir Kosovo-Albaner leiden alle unter der
kollektiven Vorverurteilung», sagt Ylfete Fanaj, 23. «Eine kriminelle,
gewalttätige Minderheit, die viel Lärm macht, bringt uns alle in
Verruf». Nach aussen prägen die Männer das Bild der Kosovo-Albaner,
Frauen der ersten Generation kennt man nur als
verschupfte Kreaturen mit Kopftuch, die kaum Deutsch sprechen und
jeden Blickkontakt vermeiden. Schon deshalb würde man Ylfete, die
angehende Sozialarbeiterin aus Sursee LU, nicht als Kosovo-Albanerin
erkennen. Mit provozierend offenem Blick mustert sie ihr Gegenüber aus
dunklen Augen, sie kleidet sich modisch und figurbetont: «Ich lebe
seit der Pubertät im Spannungsfeld dieser zwei so unterschiedlichen
Kulturen», sagt sie. «Es ist nicht einfach, den Eltern zu erklären,
warum wir so leben wollen, wie wir leben».
Konfliktpunkte sind etwa das Recht, in den
Ausgang zu gehen - aber auch die traditionell übliche, von den Eltern
arrangierte Heirat: «Meine Eltern machten jede Menge Vorschläge, aber
ich konnte immer verhandeln. Mittlerweile haben sie akzeptiert, dass
ich mir meinen Mann selber suche ». In die Ferien fährt Ylfete nach
wie in ihre Heimatstadt Prizren. «Mich schaut man dort schon schräg
an: Die ist schon 23 und immer noch nicht verheiratet. Was stimmt
nicht mit der?»
Luzern und sein Hinterland sind seit jeher einer
der Hotspots der Immigration aus dem Kosovo. «Wenn du hier einen
albanischen Namen hast, findest du keine Lehrstelle», sagt Ylfete. In
diesem Umfeld - mangelnde Akzeptanz, keine Perspektiven - würden sich
viele Jugendliche «reethnisieren», die eigene Kultur idealisieren,
beobachtet Ylfete: «Die entwickeln Aggressionen gegen die Schweiz und
verherrlichen den Kosovo.
Warum, so frage ich mich, fahren die nicht einfach zurück?».
Wenn Bafti Zeqiri, 26, morgens in seinem Zimmer
in Olten SO die Augen aufschlägt und zur Decke blickt, liest er als
erstes den Spruch, den er dorthin geklebt hat: «Ich will die
Aufnahmeprüfung bestehen!» Bafti ist einer der Secondos aus dem
Kosovo, die eigentlich keine Chance haben. Auch sein Versuch, eine
Lehre zu machen, scheiterte. Deshalb paukt er jetzt für die
Aufnahmeprüfung einer Privatschule, will die Matura nachholen. Daneben
arbeitet er als Freiwilliger in einem Jugendclub und in mehreren
Integrationsprojekten - ein Vollzeitjob ohne Lohn.
«Wenn die Eltern es zulassen, haben wir
Jugendliche keine Probleme mit der Integration», sagt Bafti. Aber
leider würden viele Eltern Hass und Vorurteile fördern statt
bekämpfen: «Es ist doch absurd: Albaner gelten als Rauschgifthändler,
Schweizer als Konsumenten. Schweizer Eltern verbieten ihren Kids wegen
der Dealer den Umgang mit Albanern, albanische Eltern umgekehrt ihren
Kindern den Umgang mit Schweizern - weil diese die Drogen
konsumieren».
«Wir vergessen gerne, dass die Schweizer
Bauwirtschaft zwischen 1965 und 1990 rund 60 000 Kosovo-Albaner aktiv
ins Land holte», sagt Thomas Kessler, der Integrationsbeauftragte des
Kantons Basel-Stadt. Anfang der 90er Jahre stiegen die Spannungen im
heimatlichen Kosovo, wer konnte, versuchte, seine Familie in die
Schweiz zu holen. Gleichzeitig führte der Bundesrat das «Drei-Kreise-Modell»
ein - Ex-Jugoslwawien gehörte plötzlich nicht mehr zu den Gegenden, in
denen die Schweizer Wirtschaft Arbeitskräfte rekrutieren konnte. Die
Kosovo-Albaner kamen trotzdem. Erst die Familien, später die jungen
Männer, die hier politisches Asyl suchten.
Um die Attraktivität der Schweiz zu mindern,
wurden die Männer möglichst weit weg platziert von Verwandten, die
schon in der Schweiz waren: «Die Arbeiter in Genf kamen aus zwei
Distrikten im Kosovo, aus nur sechs Dörfern, jeder kannte jeden. Wurde
einer kriminell oder auffällig schickte ihn der Clanchef nach Hause.
Man wollte den guten Ruf im Gastland, den man mit viel Fleiss
erarbeitet hatte, nicht aufs Spiel setzen», sagt der grüne Nationalrat
Ueli Leuenberger, Gründer der Albanischen Universität von Genf. Ohne
die Kontrolle der Grossfamilie scheiterte manch einer der jungen
Männer in der ungewohnten Freiheit und Einsamkeit.
«Kosovo-Albaner brauchen eine harte Hand, sie
brauchen eine Autorität, vor
der sie Respekt haben», sagt Azem Maksutaj, ??, Inhaber der Wing Thai
Gym in der Winterthurer Altsstadt und 13facher Weltmeister im Kick-
und Thaiboxen. In seinem Box-Keller gelten deshalb harte Regeln, keine
Drogen, keine Gewalt. Leichtere Verstösse ahndet Azem mit einer Serie
Liegestützen, schwerere mit dem sofortigen Rauswurf: Auch Boxchamp
Azem, mittlerweile eingebürgert, ist ein Chrampfer, wie man sie unter
den vergleichsweise verwöhnten Schweizern kaum mehr findet: «Zwischen
16 und 18 habe ich nie mehr als zwei bis drei Stunden geschlafen, in
der Handelsschule bin ich oft eingenickt», erzählt er. Neben der
Schule arbeitete Azem als Boxtrainer, abends und am Wochenende auch
als Türsteher vor einer Disco. Der Krampf lohnte sich: «Mit 18 hatte
ich 50 000 Franken gespart, ich konnte meinen eigenen Boxkeller
kaufen».
Der Champ kritisiert, dass die Generation seiner
Eltern in ihrer Isolation in der Schweiz weit konservativer blieb als
es der Kosovo von heute
tatsächlich ist:«Wenn diese erste Generation in den Kosovo fährt,
heisst es: Die Verrückten kommen, die Fundamentalisten!» Gerade in
Sachen freier Heirat seien die Kosovaren in Pristina heute weit
liberaler als in der Schweiz.
Über dem Empfang des Bürohochhauses der Mabetex
in Lugano-Paradiso hängt das Bild von Mutter Theresa. Wir sind bei
Beghjet Pacolli, 54, beim erfolgreichsten Kosovaren hierzulande. Mit
fünf Brüdern und einer Handvoll Cousins führt Pacolli führt eine
Generalunternehmung mit einer Milliarde Franken Umsatz, er beschäftigt
eine Armee von 4000 kosovo-albanischen Bauarbeitern. Gerade hat er das
Regierungsviertel der Hauptstadt von Kasachstan gründlich saniert,
zuvor für seinen Freund Boris Jelzin in Moskau das Weisse Haus und den
Kreml renoviert. Das prestigeträchtige Kreml-Projekt brachte Pacolli
jede Menge Ärger mit der damaligen Bundesanwältin Carla del Ponte.
Diese witterte Korruption und Russenmafia - und ermittelte mit viel
Lärm, aber ohne Erfolg.
«Wir sind ein Volk, das einen starken Hausherr
braucht, in der Familie, im Staat», sagt Pacolli. Ein unabhängiger
Kosovo brauche deshalb einen starken Präsidenten, eine Vaterfigur,
einen Hausherr eben. Und nicht unbedingt sofort eine Demokratie nach
westlichem Vorbild. Diese, seine Ansicht hat Pacolli kürzlich auch in
Washington deponiert.
«Wiviu Tränä fliessä, wiviu Müetter immer widr
gränä...», wummert es bärndeutsch aus den mächtigen Boxen. Lulzim
Axhami, 24, alias LUL DxE, singt von den Tränen der Mütter nach dem
Raserunfall ihres Sohnes.«Du killst, du killst dein Leben und tausend
weitere Herzen. Scheiss auf den 3er BMW, scheiss auf die
Neunzehnzollfelgen, scheiss auf deinen Spoiler!» Und:«Du bisch e Rasse
vo minere Rasse, woni sälber hasse!»
Pro Helvetia zeichnete den jungen Rapper mit 15
000 Franken aus, die Berner Burgergemeinde feierte ihn als
«Brückenbauer zwischen den Kulturen» und überwies 10 000 Franken. Im
vergangenen April druckte die Berner Zeitung ein Gespräch zwischen
Luzlim und Eduard Gnesa, dem Chef des Bundesamtes für Migration: «Luzlims
Geschichte ist die einer Integration, wie ich sie mir wünsche»,
schwärmte Blochers Mann für die Fremden. Vier Tage später ist der
gleiche Luzlim im Schweizer Fernsehen Gegenstand einer
Rundschau-Reportage über kosovo-albanische Jugendliche: Luzlim,
gefilmt am Steuer seines Alfa, wird als uneinsichtiger Raser
dargestellt. Seinem alten Vater fällt in dem Beitrag die Rolle des
«Sozialschmarotzers» zu - er bezieht nach 35 Jahren Arbeit in Bern
heute eine Viertel IV-Rente.
«Die Medien machen den Leuten nur Angst, wer wir
wirklich sind, interessiert nicht», sagt Luzlim.
Verärgert tritt er in die dunkle, neblige Nacht
und verschwindet in der winterlichen Kälte des Tschar-nergutes in Bern
Bethlehem, zwölf Prozent
Jugendarbeitslosigkeit, überdurchschnittlich hoher Ausländ-eranteil:
«Mich
fickt keiner mehr an», brummt er in seinen dicken, hochgeschlagenen
Kragen.
Sein Freund Afrim Mushja, 26, der sich in acht
Jahren als Altenpfleger das Startkapital zusammensparte für einen
HipHop-Kleiderladen in der Berner Altstadt, hat seine eigene Formel:
«Im Herzen bin ich Albaner, im Alltag muss ich doppelt soviel arbeiten
wie ein Schweizer».
Die Generation der Eltern hatte einst nur ein
Ziel: Arbeiten und sparen und als gemachte Leute in einen freien
Kosovo zurückkehren. Den Secondos fehlt dieses Ziel,
Statusverhandlungen hin oder her. «Wenn ich im Kosovo bin, habe ich
Heimweh. Wieder hier, bin ich der Ausländer», sagt Kastriot Komani,
19, Pflegepraktikant im Basler Altersheim Zum Lamm.
Die beste Antwort zur Frage einer
Rückkehr aber liefert Boxer Azem: «Wohin soll ich denn gehen? Von
daheim nach Hause?»
Top |